Anett Gräfe_Autorin_Abschied ohne Tränen_

Anett Gräfe

“Das Leben möchte gelebt werden,
jeden Tag aufs Neue.

Manchmal aber kann auch der Tod,
gut abgewägt, für einen persönlich Erlösung bedeuten.

Halten wir uns doch alles offen und
gehen selbstbestimmt bis ans Lebensende –
wann und wie auch immer das sein wird.”

Warum setze ich mich für den begleiteten Freitod in Deutschland ein?

Manch einer fragt sich sicher, wie ich als doch recht junger Mensch, dazu komme eine solche Seite zu betreiben und eine solche Meinung zu vertreten. Leider musste ich selber erfahren, wie meine Mutter durch einen schweren Autounfall in eine Situation kam, die sie nach langem Kampf und ohne Aussicht auf Besserung nicht mehr ertragen wollte. Der Unfall am 29.07.2013 nahm ihr alles, was für sie ihr Lebensinhalt war: Bewegung und Selbstständigkeit. Infolge einer starken Quetschung vom Rückenmark war sie vom Hals abwärts gelähmt. Dass diese Lähmung in ihrer Gänze trotz zahlreicher Therapien so bleiben würde, ahnten wir damals noch nicht.

Über ein Jahr lang kämpfte sie physisch und psychisch, um wenigstens ein bisschen einen Lebenssinn zu finden. Auch ich versuchte ihr aufzuzeigen, dass das Leben lebenswert sein kann. Den neuen Lebenssinn, den ich ihr immer gewünscht habe, fand sie trotz aller Bemühungen nicht. Es kam der Punkt, an dem sie so nicht mehr weiterleben wollte. Aussicht auf Besserung gab es nicht. Und so keimte der Wunsch bei ihr auf, selbstbestimmt sterben zu dürfen. Einen Freitod der in Deutschland nicht greifbar war, aber in der Schweiz für sie möglich schien.

Mich mit ihrem Wunsch auseinander zusetzen, fiel mir anfangs nicht leicht. Aber je mehr ich begriff, dass nur sie über ihr persönliches Lebensglück entscheiden darf, konnte ich nach und nach loslassen. Ich begleitete sie auf ihrem letzten Weg in die Schweiz und nahm friedlich Abschied. Sie empfand den selbstbestimmten Tod als Erlösung von ihrem Leid, welches sie als unerträglich empfand. Dies sagte sie mir mehr als einmal und man spürte dies in den letzten Minuten. Sie war richtiggehend gelöst. Sie war sehr froh, dass ihr dieser Weg offen stand. Und auch ich wollte es Mama nicht zumuten, dass sie ein Leben lang hätte unter den unermesslichen Qualen, die sie empfand, leiden müssen.

Sie und ich sind sehr dankbar für die Sterbehilfe in Form des begleiteten Freitods, wie sie in der Schweiz auch Ausländern offen steht. Kontrolliert, gut überlegt und liebevoll wird den Menschen, die den Tod für sich als Erlösung sehen, ein würdiges und selbstbestimmtes Sterben ermöglicht. Dies wünsche ich mir auch für Deutschland.